Bericht zu Podium Silesia: Diskussionsabend mit Dr. Mirosław Węcki und Dr. Guido Hitze

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Geschrieben von Skrabania
02. Mai 2021
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Korfanty vs. Ulitzka – aus Liebe zu Oberschlesien

Die neue Ausgabe von Podium Silesia war diesmal als Diskussion konzipiert. Über die Rolle von Wojciech Korfanty und Prälat Karl Ulitzka in der deutsch-polnischen bzw. oberschlesischen Geschichte diskutierten Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung NRW, Autor von „Carl Ulitzka (1873–1953) oder Oberschlesien zwischen den Weltkriegen“ und Dr. Mirosław Węcki, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Schlesischen Universität und am Institut für Nationales Gedenken in Kattowitz, Mitautor des Buches „Wojciech Korfanty 1873–1939“. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Kulturreferenten für Oberschlesien, Dr. David Skrabania.

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Dr. Guido Hitze

Dr. Skrabania eröffnete die Diskussion mit der Frage nach der Kindheit und sozialen Stellung der beiden oberschlesischen Persönlichkeiten. Guido Hitze wies auf die spärliche Quellenlage zur Kindheit Ulitzkas hin, sagte allerdings, dass er wohl in kleinen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sei – weit entfernt vom sogenannten „Landproletariat“. Carl Ulitzka wurde 1873 in Jernau bei Leobschütz geboren. Der Vater, ein Kriegsveteran aus den preußischen Feldzügen gegen Österreich und Frankreich, hatte mit einer Kriegsverwundung zu kämpfen. Er war Landpostagent, was einem Postbeamten mit einer eigenen Agentur entspricht. Durch eine kirchliche Empfehlung kam Carl auf das Evangelisch-Königliche Gymnasium in Ratibor. Früh wurde dem Jungen klar, dass er als Katholik mit einem polnisch klingenden Namen keine Chance auf eine hohe Beamtenlaufbahn hatte. Er entschied sich während der Abiturzeit für die Priesterlaufbahn, da dies damals eine der wenigen Möglichkeiten für einen akademischen Werdegang als Katholik war. Guido Hitze ist sich jedoch sicher, dass es sich um eine Berufung, nicht um eine Karriereentscheidung handelte.

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Dr. Miroslaw Węcki

Miroslaw Węcki wies auf einige Ähnlichkeiten zu Korfanty hin. Korfantys Großeltern waren noch Bauern, eher arm als reich. Seine Eltern zogen in ein Dorf bei Laurahütte, dass in der Nähe der Grenze zum russischen Kongresspolen lag. Aus der Bauernfamilie wurde eine Arbeiterfamilie. Wojciech wurde 1873 als Albert Korfanty geboren. Der Vater, Josef Korfanty, war bereits ein Arbeiterbauer – er verband also die Arbeit in einem Bergwerk mit der Tätigkeit als Landarbeiter im Nebenerwerb. Dieses Schicksal war auch für Korfanty bestimmt, aber dann entdeckte man das Potential des begabten Kindes. Korfanty fand vermutlich die finanzielle Unterstützung eines Gönners, der ihm die Fortsetzung seiner Schullaufbahn auf dem Gymnasium in Kattowitz ermöglichte.

Screenshot 3
Dr. David Skrabania

Skrabania setzte hier an und fragte nach den Auswirkungen der eigentlich gleichen Lebenswelt (geboren und aufgewachsen zur Zeit des Kulturkampfes in Oberschlesien) auf die Identitätsbildung der beiden. Węcki wies darauf hin, dass die soziale Gruppe, zu der Korfanty gehörte, überwiegend polnisch- bzw. slawischstämmig war. Die Alltagssprache war der oberschlesische Dialekt des Polnischen. Allerdings besaß Korfanty selbst zunächst kein polnisches Nationalbewusstsein – dieses entdeckte er erst im Gymnasium. Seine Großeltern und Eltern betrachteten sich als polnischsprachige Preußen. Vermutlich nahm er die Diskriminierung der polnischsprachigen Bevölkerung wahr.
Ulitzka hatte kein negatives Preußenbild, was vermutlich auf den Vater zurückzuführen war, der stolz auf seine Verdienste im Krieg war. Außerdem besuchte er das evangelisch-königliche Gymnasium. Studiert hat er in Breslau und Graz. Was ihn außerdem geprägt hat, war der Kulturkampf: Dieser hatte im Oberschlesien deutsch- und polnischsprachige Katholiken zusammengeführt. Die Zentrumspartei, der auch Ulitzka später angehörte, verstand sich als Vertretung aller oberschlesischen Katholiken, gleich welcher Muttersprache. Deshalb nahm Ulitzka den Konflikt zwischen deutsch- und polnischsprachiger Bevölkerung nicht so wahr, wie Korfanty, vermutet Guido Hitze.

Skrabania wies darauf hin, dass beide Persönlichkeiten einen hochpolitischen Weg einschlugen – der eine als Journalist, der andere als Geistlicher. Und beide fanden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im großstädtischen Milieu Berlin wider. Doch zunächst war Ulitzka Kaplan in Kreuzburg, wie Hitze weiter ausführte. Das war der einzige Kreis mit einer protestantischen Mehrheit in Oberschlesien. Der junge Kaplan machte also eine Diasporaerfahrung. Hier erkannte er, dass Katholizität nicht überall in Oberschlesien das gesellschaftliche Leben prägt. Diese Erfahrung wurde anschließend in Bernau bei Berlin vertieft,. Die Gemeinde dort hatte nicht einmal eine eigene Kirche. So beschloss der 28-jährige Kaplan, eine zu bauen. Diese Erfahrung machte ihn zum Diplomaten, da er sich als Katholik in der für ihn fremden Umgebung für seine Gemeinde einsetzte, was nur durch Kooperation mit der preußischen Lebenswelt möglich war. 1910 wurde er nach Ratibor beordert und wurde hier Pfarrherr, also Pfarrer mit bäuerlichem Grundbesitz. Jetzt wurde er auch Mitglied der Zentrumsfraktion in Ratibor.
Korfantys Persönlichkeit in jungen Jahren ist dagegen eher als undiplomatisch zu bezeichenen, wie Węcki verdeutlichte. Korfanty nutzte sein Redegeschick und seine forsche Art, um seine politische Karriere voranzutreiben. Er hatte im Gymnasium die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer sich beleidigend über die polnische Sprache und Kultur äußerten, wogegen sich sein Geist auflehnte – sein Interesse an Polen, der polnischen Geschichte und Kultur war geweckt. Węcki nannte es „jugendlichen Trotz“, der später für Korfanty charakteristisch wurde. Korfanty wurde wegen seiner politischen Aktivitäten nicht zum Abitur zugelassen. Er studierte trotzdem in Breslau und Berlin, wo er sich auch mit polnischen Kreisen verband. Er hatte Kontakte zu Sozialisten und zur polnischen Nationalbewegung. Diese stellte ihn 1903 als ihren Reichstagskandidaten für Oberschlesien auf. Er griff jetzt aber nicht die sogenannten „Hakatisten“ (ein Synonym für den „Deutschen Ostmarkenverein“, einer polenfeindlichen Deutschtumsorganisation; der Begriff ist gebildet aus den ersten Buchstaben seiner Gründer Hansemann, Kennemann und Tiedemann) politisch an, sondern die Zentrumspartei. Die polnische Nationalbewegung betrachtete nämlich das Zentrum als gefährlichsten Gegner, da es polnische Wählerstimmen in Oberschlesien band. Damit griff er auch die katholische Kirche an. Insbesondere die sozialen Fragen und die Diskriminierung der Polen in Preußen standen dabei im Zentrum. Als Arbeitersohn verstand er die Probleme der oberschlesischen Arbeiter. Bereits 1903 wurde er Reichstagsabgeordneter und trat der polnischen Fraktion bei.

Als nach dem Krieg die Frage nach dem Verbleib Oberschlesiens aufkam, kreuzten sich die Wege der beiden Protagonisten. Korfanty wurde zum Leiter des polnischen Plebiszitskommissariats. Hitze sieht hier den Grundstein für Ulitzkas spätere Rolle während der Plebiszitzeit: Carl Ulitzka „putschte“ gegen die Zentrumsleitung in Breslau und erklärte das oberschlesische Zentrum für unabhängig. Die Partei hieß jetzt offiziell „Oberschlesische Volkspartei“. Er warf der Zentrumsleitung vor, die soziale Frage in Oberschlesien vergessen zu haben. Mit der Aktion wollte er verhindern, dass Oberschlesien von Deutschland abfällt. Damit erhielt er die Schlüsselfunktion für diejenigen in Oberschlesien, die keinen Anschluss an Polen wollten, die Deutschgesinnten und die Autonomiebewegung. Ulitzka drängte die Freistaatbewegung (die ein Oberschlesien losgelöst von Deutschland und Polen wollte) aus dem Zentrum raus und wurde zum Wortführer der oberschlesischen Autonomiebewegung (die Oberschlesien als autonomes Land im deutschen Staatenverbund, losgelöst vom Preußen und Niederschlesien, wollte). 1919 wurde er in den Reichstag gewählt und erreichte damit die gleiche politische Ebene wie Korfanty. Er wurde zum Wortführer der oberschlesischen Abgeordneten und als Leiter des deutschen Plebiszitkommissariats vorgeschlagen, was aber von der Interalliierten Kommission (I.K.), die die Regierungsgewalt in Oberschlesien während der Plebiszitzeit innehatte, abgelehnt wurde. Vor allem General Le Rond, der Leiter der I.K., der jetzt faktisch die höchste Regierungsinstanz in Oberschlesien war, lehnte Ulitzka in dieser Position ab. Vermutlich geschah das durch eine Einflussnahme Korfantys, der gut mit Le Rond auskam. Er hatte kein Interesse dran, dass der populäre Prälat, der mit der Autorität der katholischen Kirche ausgestattet war, sein Gegenspieler wurde. Daher wurde Kurt Urbanek zum deutschen Plebiszitkommissar ernannt.

Korfanty führte seinen Wahlkampf vor allem mit dem Nationalitätenargument: Die Oberschlesier sind Polen, weil sie die polnische Sprache sprechen. Aber auch die Wirtschaftsfrage thematisierte er und stellte die Preußen als Okkupanten dar. Skrabania warf ein, dass der sehr hart geführte Propagandakrieg zu einer Nationalisierung der Oberschlesier und zu einer Spaltung bis in die Familien hinein führte. Guido Hitze weist darauf hin, dass zwar rückwirkend Korfanty und Ulitzka als die Gesichter der Abstimmungskampagne gelten, sie allerdings nicht auf derselben Ebene tätig waren. Die polnische Seite trat von Anfang an geschlossen auf, während die deutsche Seite zersplittert und von gegenseitigem Misstrauen geprägt war, zwischen Protestanten, Katholiken und Sozialdemokraten. Ulitzka hatte Probleme, seine Linie überhaupt erst in Berlin akzeptabel zu machen. Ulitzka versprach den Oberschlesiern kulturelle Autonomie, politische Selbstbestimmung, sozialen Aufstieg und Freiheit für den Katholizismus gegenüber Preußen und eine liberale Sprachpolitik, d.h. eine zweisprachige Schulausbildung und polnischsprachige Gottesdienste. Damit wollte er die Dichotomie der polnischen Propaganda konterkarieren, die dieses nur bei einem Anschluss Oberschlesiens an Polen als erreichbar darstellte.

Skrabania fragte nach, ob der Dritte Aufstand von Korfanty losgetreten wurde, da Korfanty ja zuvor in Posen und bei den ersten beiden Aufständen in Oberschlesien als Gegner einer militärischen Lösung auftrat. Węcki bezweifelte, dass Korfanty die Kompetenz dazu hatte, alleine zu entscheiden, da er der polnischen Regierung unterstand. Der Beginn des Aufstandes muss in Abstimmung mit den polnischen Behörden geplant werden. Eine wichtige Frage war die Rolle der Franzosen, die die polnische Oberschlesienpolitik stark unterstützten. Generell wird der Befehl zum Aufstand Korfanty zugeschrieben, aber mit Rückendeckung der Warschauer Regierung. Hitze wies darauf hin, dass beim Zweiten Aufstand, den Korfanty zwar nicht gewollt hatte, sich dann aber notgedrungen an dessen Spitze stellte, das erste Mal Korfanty und Ulitzka aufeinandertrafen. Ulitzka bot Korfanty Friedengespräche an und führte diese in der Sakristei einer Gleiwitzer Kirche, wo dann ohne Beteiligung der Regierungen oder der I.K. ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Le Rond bestellte danach die beiden offiziellen Vertreter der Plebiszitkommissariate, Korfanty und Urbanek, nach Beuthen ein, ließ sie dort offiziell den Waffenstillstand unterschreiben und gab es als einen Vermittlungserfolg der I.K. aus.
Der Dritte Aufstand wiederrum wurde sorgfältig von Korfanty vorbereitet. Der Aufstand richtete sich gegen die Grenzziehungspläne der Briten und Italiener. Hitze stellte fest, dass Korfanty stark abhängig vom französischen Wohlwollen war. Korfanty bekam von Le Rond die Erlaubnis loszuschlagen, was sogar noch wichtiger war als die Zustimmung Warschaus. Frankreich wollte das Ruhrgebiet besetzen. Wäre das oberschlesische Gebiet an Polen gefallen, hätte die deutsche Regierung militärisch gegen Polen vorgehen müssen, was zu einer Wiederaufnahme des Krieges mit den Franzosen geführt hätte, die sofort im Westen des Reiches einmarschiert wären, genau wie ein Nichtzahlen der Reparationen bedingt durch die Ausfälle durch den Verlust des oberschlesischen Industriegebietes ebenfalls einen Einmarsch rechtfertigte, zu dem es später auch kam, als die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Der Aufstand wurde von Korfanty durch das Verbreiten einer Falschmeldung in deutschen Zeitungen losgetreten: er behauptete, dass die für Polen negativen Grenzziehungspläne der Briten und Italiener bereits beschlossen seien. Zudem planten die deutschen Industriellen die Gruben zu fluten. Diese Meldungen wurden von den Franzosen zum Anlass genommen, den Deutschen die Schuld am dritten Aufstand zu geben, weshalb die französischen Streitkräfte, die für die Sicherheit zuständig waren, nichts unternahmen und die polnischen Insurgenten walten ließen, sogar unterstützten. Węcki warf ein, dass die polnische Seite keine Sicherheit hatte, dass die französische Seite dem Aufstand positiv entgegenstand. Daraufhin entgegnete Hitze, dass es noch weitere Indizien gäbe: So gäbe es ein geheimes Militärabkommen zwischen Polen und Frankreich, dass am 18. März 1921 geschlossen wurde, bei dem eine enge Kooperation und Abstimmung bei militärischen Aktivitäten vereinbart worden sei, was sicherlich nicht nur auf Sowjetrussland bezogen war. Auch die Lieferungen von Waffen und logistische Unterstützung während der Aufstände wurde hier bereits geklärt. Als drittes Indiz führt Guido Hitze an, dass es eine Meldung aus der Zentrale der Briten in Oberschlesien an die britische Regierung gab, wonach zweifellos Le Rond für den Aufstand verantwortlich sei. Deswegen öffneten die Briten und die Italiener die Grenzen zum Reich für die Freikorps, um ein Gleichgewicht der paramilitärischen Kräfte herzustellen. Warschau distanziert sich von Korfanty, die deutsche Reichsregierung von den Freikorps, dennoch investieren beide Seiten insgeheim Mittel in die paramilitärischen Organisationen. Ohne die Entscheidung der Briten und Italiener zur Öffnung der Grenze wäre wahrscheinlich der polnische Aufstand innerhalb einer Woche geglückt, doch die Freikorps stoppten den polnischen Vormarsch am St. Annaberg, während der deutsche Selbstschutz in den oberschlesischen Großstädten eingekesselt war.

Zum Abschluss wurde noch die Karriere der beiden Protagonisten nach der Plebiszitzeit thematisiert. Ulitzka, der „ungekrönte König Oberschlesiens“, war noch bis 1933 das Gesicht Oberschlesiens in Deutschland und vertrat die Region im Reichstag. Ihm wurden im Dritten Reich sein diplomatischer Umgang mit den polnischen Aufständischen während der Plebizitzeit und sein Eintreten für die Rechte der polnischsprachigen Bevölkerung zum Verhängnis. . Ulitzka wurde im März 1933 von SA-Schergen verprügelt und 1939 aus Oberschlesien ausgewiesen. 1944 wurde er wegen Kontakten zum Kreisauer Kreis von der Gestapo verhaftet und in Dachau interniert. Sechs Wochen vor Kriegsende wurde er auf Anweisung Himmlers freigelassen. Himmler wollte die Verhandlungsgrundlage mit Blick auf den bevorstehenden Zusammenbruch des Reiches verbessern und ließ eine Reihe von Geistlichen frei. Ulitzka kehrte nach Ratibor zurück, musste das jetzt unter polnischer Verwaltung stehende Oberschlesien aber aufgrund massiver Anfeindungen verlassen und kehrte bis zu seinem Tod 1953 nicht mehr in seine Heimat zurück.

Korfantys Leben bekam mit dem Mai-Umsturz 1926 in Polen eine dramatische Wende. Er galt als gefährlichster Gegner des sozialistischen Sanacja-Regimes unter Marschall Józef Piłsudski und wurde deshalb bekämpft. Bereits 1922 war seine Kandidatur auf den Posten des Premierministers durch Piłsudski verhindert worden. Die Sanacja betrachtete ihn als so gefährlich, dass er noch 1939 verhaftet wurde, als er aus dem Exil in der Tschechoslowakei zurückkehrte und fast bis zum Ende seines Lebens im Gefängnis in Warschau einsaß. Während man heute in Polen Wojciech Korfanty mit großen Feierlichkeiten als Patrioten ehrt, wird dieser Teil des Lebens Korfantys in der polnischen Erinnerungskultur eher ausgeblendet. Dagegen ist Prälat Carl Ulitzka in Deutschland fast gänzlich in Vergessenheit geraten.

 

[Florian Paprotny]

Filmdokumentation: „Ein europäischer Konflikt. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“

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Geschrieben von Skrabania
20. März 2021
Zugriffe: 368



Anlässlich des 100. Jahrestages der Volksabstimmung in Oberschlesien vom 20. März 1921 über die staatliche Zugehörigkeit der damals im äußersten Südosten gelegenen Region Preußens, hat der Kulturreferent für Oberschlesien am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen das Bildungsfilmprojekt „Ein europäischer Konflikt. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“ umgesetzt. Gemeinsam mit den Partnern und Co-Produzenten Landeszentrale für politische Bildung NRW, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Stiftung Haus Oberschlesien/Oberschlesisches Landesmuseum und der Filmproduktion Arche Noah wurde eine 36-minütige Dokumentation produziert. Dank der Beteiligung des Hauses für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit in Opole/Polen steht der Film auch in einer polnischen Sprachversion zur Verfügung.

Der Bildungsfilm ist reich an historischen Quellen- und Filmmaterial sowie neuen Aufnahmen und Interviews mit Experten aus Polen und Deutschland. Neben der Erklärung der historischen Zusammenhängen und einer Einbettung in den europäischen Demokratiediskurs, soll diese Filmdokumentation auch als Diskussionsgrundlage dienen und einen Beitrag für eine gemeinsame deutsch-polnische Erinnerungskultur leisten.

Zu Präsentationszwecken besteht die Möglichkeit der Zurverfügungstellung in hochauflösender Qualität.

Rückfragen bitte an den Kulturreferenten für Oberschlesien richten.




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Podium Silesia. Beiträge zur Geschichte Oberschlesiens. Vortrag von Dr. Andrzej Michalczyk

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Geschrieben von Ciochon
16. Februar 2021
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Als Gast bei Podium Silesia referierte Dr. Andrzej Michalczyk am 3. März 2021 über das Thema "Migrationsgeschichte Oberschlesiens. Globale Migrationen aus lokaler Perspektive".

Einleitend fand der Kulturreferent Dr. David Skrabania einige Worte zur Relevanz des Themas für die heutige Zeit. Vor der Coronapandemie war es nämlich die Debatte um Migration, die einen wesentlichen Teil der Politik bestimmte. Er wies darauf hin, dass aus der Perspektive des Einzelnen Migration eine Lebenschance sei; illustriert wurde das Beispiel anhand eines Zitats von Ludwik Hurski, der Anfang der 1870er in Zabelkau/OS geboren wurde und das Auftauchen eines Werbeagenten in seinem Dorf im Frühjahr 1879 beschrieb, der auf der Suche nach Arbeitern war und ihnen einen guten Verdienst in Westfalen versprach. Westfalen, das war für die alten Frauen im Dorf der Ort, wo die Sonne untergeht, von dem nie einer zurückkam. Dennoch sehnten sich die jungen Männer danach, dort das große Geld zu machen, und konnten es kaum erwarten, das 16. Lebensjahr zu erreichen und zur Arbeit in den Westen des Reiches aufzubrechen.

DSC 0136Der Kulturreferent, Dr. David Skrabania.

Die Region Oberschlesien, so führte Dr. Andrzej Michalczyk anschließend aus, sei ein herausragendes Beispiel für eine tiefverankerte Kultur der Migration. Von hier aus migrierten Einwohner in alle Himmelsrichtungen und entwickelten transmigrantische Routen nach Russisch-Polen, Großpolen, in das Innere des Deutschen Reiches, die US-amerikanischen Bundesstaaten Wisconsin und Minnesota und in die südbrasilianische Provinz Paraná. Michalczyk führte mit vielen Nachkommen der Amerika-Auswanderer Interviews. Die Ziele der Migration wandelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, je nach politischer Wetterlage. Vor allem in den 1870ern und 1880ern gab es ein regelrechtes Amerikafieber, während es in den 1860ern wegen des amerikanischen Bürgerkriegs eher in Richtung Russisch-Polen ging und erst danach eine Auswanderungswelle nach Wisconsin begann.

DSC 0145Dr. Andrzej Michalczyk.

Durch die Beseitigung der Leibeigenschaft und des behördlichen und grundherrlichen Aufenthaltsbestimmungsrechts nahm die Mobilität der Oberschlesier ab der Mitte des 19. Jahrhunderts massiv zu. Die Arbeitsmigration bedeutete häufig auch einen sozialen Aufstieg für die im Heimatdorf Verbliebenen, denn das Geld wurde dort z.B. in den Hof investiert. Anhand der vielfältigen oberschlesischen Migrationsbewegungen in und über Europa hinaus wird zudem der Wandel eines deutsch-polnischen Grenzraums und die Genese transnationaler Migrationsnetzwerke sichtbar. Die vielfältigen Migrationsbewegungen, die von Oberschlesien ausgingen, nach Oberschlesien zurückführten und transnationale Räume entstehen ließen, regen dabei dazu an, das Eigene und das Fremde immer wieder aufs Neue zu reflektieren.

Im Anschluss gab es einige Rückfragen. So stellte sich die Frage, warum gerade aus den im Vortrag genannten Orten die Menschen migrierten. Lange Zeit erklärte man Migrationsbewegungen lediglich mit der Attraktivität des Ziels, ohne die Dynamiken im Ausgangsort zu erfassen. Im Falle der Auswanderung beispielsweise nach Texas war es reiner Zufall, dass sich aus einem kleinen Örtchen heraus eine Migrationsroute etablierte: Ein Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie, Leonhard Moczygemba, wurde in die Stadt geschickt, um Priester zu werden. Nach seinem Studium beorderte der Bischof ihn nach Texas, um als Seelsorger für die dort bereits ansässige deutschsprachige Community zu fungieren. Moczygęba stand in hohem Ansehen in seinem Heimatdorf, er war sozusagen ein Lokalheld, und dieses Vertrauen in ihm bewegte dann die Menschen, ihm nachzufolgen. Wäre er nicht als Pionier dort gelandet und hätte er nicht in die Heimat berichtet, wäre es nie zu der Migration nach Texas gekommen.

DSC 0139Gestreamt wurde über Facebook. Im Bild: Frau Katharina Gucia-Klassen, Mitarbeiterin des OSLM.

Mehrere Zuhörer interessierten sich auch dafür, ob bis heute Kontakte zwischen Oberschlesien und der neuen Heimat hinter dem Meer bestehen. Zum einen gab es den Onkel in Amerika, der in schweren Zeiten mit Geld und Gütern helfen konnte. Es gibt aber auch die reiselustigen Texaner, viele der inzwischen wohlhabenden Nachfahren besuchten das Dörfchen, in dem ihre Familienwiege stand. Ein Beispiel der so entstandenen Räume und der Verbundenheit, die Migranten über Generationen mit ihrer alten Heimat verbindet.

Abschließend wurde noch die Frage gestellt, ob eine globale Steuerung der Migration aus historischer Perspektive Sinn macht. Migration sei immerhin ein Ventil, dass die Verhältnisse am Ursprungsort stabilisieren könnte. Dr. Andrzej Michalczyk, der zuvor gesagt hatte, er sei kein Freund von „Lernen aus Geschichte“ im Sinne davon, dass man dann klug sei und Analogien ziehen könnte, sondern eher davon, dass man daraus Lebensweisheit gewinnen könne, verneinte diese Frage. Ein zentrales Steuerelement, so Michalczyk, wisse einfach nicht um die Bedürfnisse der Menschen. Diese kennen sie selbst am besten und schon damals überquerten sie auch Grenzen, die theoretisch geschlossen waren.

foto michalczyk psDr. Andrzej Michalczyk, Ruhr-Universität Bochum

Jg. 1976; Geschichtsstudium an der Universität Warschau (1995-2000)

Promotion am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt (2003-2006). Die Dissertation wurde mit dem Förderpreis des polnischen Generalkonsulats in Köln ausgezeichnet.

Verschiedene Stipendien und Forschungsaufenthalte u.a. am Institut für Europäische Geschichte in Mainz sowie am Herder-Institut Marburg

Seit Oktober 2007 Studienrat im Hochschuldienst für Neuere und Neueste und Ostmitteleuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum

Februar 2012 Gastdozent an der Schlesischen Universität Kattowitz

März 2015 Gastdozent an der University of Strathclyde, Glasgow

Dezember 2017 RUB Spectress Fellow an der Universität São Paulo, Brasilien

August-Dezember 2018 Visiting Professor an der Central Michigan University, USA







Podium Silesia. Beiträge zur Geschichte Oberschlesiens. Vortrag von Dr. Rafał Biskup

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Geschrieben von Skrabania
22. Dezember 2020
Zugriffe: 911

Von einem, der nie ankam… 100 Jahre Hans Lipinsky-Gottersdorf

Am 5. Februar 2020 jährte sich zum einhundertsten Male der Geburtstag des ‘oberschlesischen Tolstois’ Hans Lipinsky-Gottersdorf, eines Schriftstellers, Publizisten, Kulturvermittlers.
In einem Interview äußerte sich einst Fritz Wandel, ein Freund Lipinskys, folgend über den Prosna-Preußen-Autor: „Herr Lipinsky war ein in der Tradition seines Landes verwurzelter Edelmann mit Verbindungen zum Ursprünglichen. Und seine Arbeit war nicht nur eine literarische Arbeit, sondern – und dass habe ich ihm immer gesagt – dass er im Auftrag arbeite. Dass er eine Aufgabe habe, nämlich die gefährdete und vom Untergang bedrohte Tradition seines Landes noch einmal aufleben zu lassen und einen Rahmen zu schaffen, in dem diese – wenn auch nur in geistiger Form – weiterleben konnte.“
Der Region Oberschlesien setzte er mit seinem Schaffen ein literarisches Denkmal. In dem Essay „Heimat an der Prosna“ schrieb er: „Das preußische Oberschlesien war eine sonderbare, in mancher Hinsicht einzigartige Provinz. Ich will damit nicht sagen, daß sie dies über jede andere Provinz erhob. Ein jeder Landstrich hat seine Einmaligkeit, es kommt nur darauf an, sie herauszufinden. (…) Eine der Besonderheiten Oberschlesiens bestand darin, daß sich hier rechts der Oder eine autochthone, völkisch nur schwer einzuordnende Bevölkerung bis in die nationalstaatliche Gegenwart hinein behauptet hatte. Ihre wasserpolakische Mischsprache war deutschen und polnischen Ohren ein Greuel, aber durch anderthalb Jahrhunderte war Generationen von jungen Männern in preußischen Regimentern ein stabiles Selbstbewußtsein anerzogen worden.“
Ein Freund Heinrich Bölls, Befürworter der deutsch-polnischen Annäherung bereits in den 1950er Jahren, Meister realistischer Schilderungen – und dazu ein bodenständiger und herzlicher Mensch. Monika Taubitz, Lipinskys Schriftstellerkollegin, erinnerte sich: „Hans Lipinsky war auch den weiter von ihm entfernten Kollegen ein guter Kamerad. Als ich einmal kurz vor meiner Lesung im Haus Schlesien erkrankte und ihn um Hilfe bittend anrief, fuhr er ohne langes Hin und Her dorthin. Zwar wohnte er nicht weit davon entfernt in einem Kölner Vorort. Doch kostete es ihn nahezu einen Tag, den er sonst an seiner Schreibmaschine verbracht hätte, immerhin mit einem Blick hinaus ins Grüne, dabei Wort um Wort aufs Papier bringend, um damit sich und den anderen eine Heimat zu erschreiben. Jenes Stück Land, über das er zu normalen Zeiten gegangen wäre, den Jahreszeiten entsprechend Säen und Ernten überwachend und selbst kräftig mit zupackend.“
Hans Lipinsky-Gottersdorf war ein unbequemer und kompromissloser Autor. Wie kaum ein anderer konnte er die Eigenart und das Wesen Oberschlesiens erfassen. Die „oberschlesische Wahrheit“ ergibt sich, schrieb er noch Ende 1990 in einem Brief an den SPIEGEL, „sobald man die deutschen und die polnischen Bemühungen um nationale Eindeutigkeiten gleichermaßen zum Teufel schickt.“ Diese Wahrheit zeigte er schonungslos in seinem Schaffen, in dem man weder Verklärung noch Nostalgie findet. Von seinem „ersten Lehrherrn“ erhielt er einst folgenden Ratschlag: „Es ist genug, wenn die Menschen sich gegenseitig mit Knüppeln und Lügen erschlagen wollen. Die Wahrheit ist zu schade. Darum schreibe bescheiden und getreu…“. Hans Lipinsky-Gottersdorf hielt sich Zeit seines Lebens daran.

Horst Bieneks Gleiwitzer Kindheit

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Geschrieben von Skrabania
07. Dezember 2020
Zugriffe: 650

Heute vor 30 Jahren starb der in Gleiwitz/Oberschlesien geborene Schriftsteller und Dichter Horst Bienek im Alter von nur 60 Jahren. Zu Lebzeiten wurde er für sein literarisches Werk mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und war auch Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. In vielen seiner Werke thematisierte er den Ort seiner Kindheit und den Verlust der Heimat, so in seiner Gleiwitzer Roman-Tetralogie. Dies geschah jedoch immer im Geiste der Völkerverständigung, Groll hegte er nicht. Heimat war für ihn ein Begriff, der an Menschen, Tradition und Sprache hing; Landschaften, Wälder und Flüsse reichten nicht aus. Die Rückkehr in die Heimat, in die nicht selten schmerzhaften Kindheitstage, vollzog er literarisch, und setzte damit der 1945 untergegangenen Welt seiner Heimatstadt ein dauerhaftes Denkmal.

An gegebenem Anlass präsentiert Ihnen das Kulturreferat für Oberschlesien einen Aufsatz zu „Horst Bieneks Gleiwitzer Kindheit“ aus der Feder von Prof. Dr. Daniel Pietrek vom Lehrstuhl für deutschsprachige Literatur am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Oppeln. Prof. Dr. Daniel Pietrek studierte an den Universitäten in Oppeln und Berlin (Freie Universität) Germanistik. Seit 2001 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Oppeln. 2004 promovierte er mit einer Arbeit über die Rezeption von Witold Gombrowiczs Dramen in den deutschsprachigen Ländern (Daniel Pietrek: „Szlachcica polskiego pojedynki cieniów”. Recepcja dramatów Witolda Gombrowicza w niemieckim obszarze językowym, Wrocław 2006, 362 Seiten). Prof. Daniel Pietrek erhielt zahlreiche Stipendien, forschte und lehrte an den Universitäten in Dresden, Berlin, Bochum, Hannover und Marburg. In den Jahren 2011 und 2012 sowie 2015 war er Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Als erster erschloss er den Nachlass Horst Bieneks und habilitierte 2013 zu dessen Werk. Seine Monografie über Horst Bienek erschien im Thelem Verlag in Dresden 2012 unter dem Titel: „‘Ich erschreibe mich selbst.‘ (Autor)biografisches Schreiben bei Horst Bienek”. Für dieses Buch erhielt er am 25. November 2014 den Horst-Bienek-Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Sein wissenschaftliches Interesse gilt vor allem der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, schlesischer Literatur, und deutsch-polnischer Komparatistik.

Damian Pietrek

Prof. Dr. Daniel Pietrek wird am 7. Dezember 2021 im Rahmen von „Podium Silesia“ Gast im Haus Oberschlesien sein und einen Vortrag zu Horst Bieneks Gleiwitzer Kindheit halten.

Hier können Sie den Aufsatz herunterladen.

VERANSTALTUNGEN

Fachtagung "Die Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 ein Jahrhundert danach“.

12.6.2021

Link: https://youtu.be/G34o9bz55OU


Online-Führung

"Oberschlesisches Kulturgut"

Katharina Gucia-Klassen
Freitag, 18.06.2021, 15 Uhr


KONTAKT

Anschrift:
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstraße 62
40883 Ratingen (Hösel)
Telefon:
+49(0)2102-9650
Email:
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