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Buchbesprechung Reden

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Olaf Schmidt-Rutsch (Hrsg.): Friedrich Wilhelm Graf von Reden (1752-1815). Beiträge zur Frühindustrialisierung in Oberschlesien und an der Ruhr. Essen: Klartext Verlag, [2008], 111 S., 10 €, ISBN 978-3-89861-931-8 (LWL- Industriemuseum, Quellen und Studien, Band 15)

Zu den bekannten und wichtigen preußischen Persönlichkeiten in der schlesischen Geschichte gehört der Bergbaubeamte Friedrich Wilhelm Graf von Reden. Mit seiner hervorragenden fachlichen Ausbildung wurde er 27-jährig 1779 als Oberbergamtsdirektor nach Breslau gesandt. Die folgenden drei Jahrzehnte war er erfolgreich und innovativ tätig. Insbesondere den oberschlesischen und dem Waldenburger Bergrevieren galt seine Aufmerksamkeit. Sein Wohnsitz und Sterbeort Buchwald im Riesengebirge (seit 1787) verbindet sich zudem später mit dem Wirken seiner jungen Gemahlin Friederike, geb. von Riedesel.

Das schlesische Wirken des Freiherrn von Reden ist bereits häufiger sowohl in Ausstellungen und in der Fachliteratur (zu erwähnen ist besonders Konrad Fuchs) behandelt worden. Ergänzend zu einer Sonderausstellung in Witten hat das dezentral operierende Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe die vorliegende Schrift herausgegeben. Ausgangspunkt der Beschäftigung ist eine Bereisung Redens 1782, um zusammenfassend über den Zustand des Steinkohlenbergbaues an der Ruhr zu berichten.

Vier informative Beiträge vereint die Publikation. Olaf Schmidt-Rutsch, der Ausstellungskurator, beschreibt die „Reise ins Ruhrtal“, wobei die Besonderheiten des dortigen Abbaus hervorgehoben werden. Adam Frużyński, Archivleiter des Bergbaumuseums in Hindenburg/Zabrze, behandelt „Die Revolution des Grafen Reden“ und bezieht dies auf innovative Techniken und einen britisch-preußischen Technologietransfer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eckhard Schinkel, zuständig für den LWL-Museumsstandort Schiffshebewerk Henrichenburg, blickt auf die Anlage und Nutzung oberschlesischer Wasserwege. Sein Beitrag liest sich mit großem Gewinn. Das ober- und untertägige Transportwesen hat Reden modernisiert und effektiviert. Ziel war es, die wasserabführenden Stollen mit Booten zum Abtransport der Kohle zu nutzen und möglichst ohne Umladung die Schüttgüter über Kanäle bis zu den Bedarfsstellen in den Hütten zu befördern. Thomas Parent, Stellvertretender LWL-Museunsdirektor, betrachtet die Geschichte des Reden-Denkmals in Königshütte/Chorzów, das dreimal errichtet wurde und heute wieder an diese wichtige Persönlichkeit erinnert.

Mit dieser kleinen Schrift erweitert sich das Bild Redens. Sieht man von Wiederholungen zum Lebenslauf in den Beiträgen ab, so gibt es neue Sichten auf die fachlichen Leistungen dieses Verwaltungsbeamten. Er informierte sich frühzeitig in England über technologische und strukturelle Entwicklungen, analysierte als Außenstehender die Gegebenheiten in seiner Wirkungslandschaft Schlesien wie auch abgewogen bei einer Bereisung an der Ruhr und machte geeignete Vorschläge für Verbesserungen. Stetige Fortschritte stärkten die oberschlesische Montanindustrie. Diesen Aufstieg zur industriellen Pionierregion im Königreich Preußen hat Reden maßgeblich mitbestimmt, denn noch war die Entwicklung durch staatlich finanzierte und innitierte Maßnahmen bestimmt. Es entstanden neue Berg- und Hüttenwerke, neue Steinkohlevorkommen wurden erschlossen, die Kokskohle gewann an Bedeutung; sie wurde in modernen Hochöfen zur Roheisenschmelze eingesetzt. Innerhalb von 20 Jahren stieg die Kohleförderung von 800 t auf 16.500 t und die Roheisenherstellung nahm von 5.000 t auf 16.500 t zu. Einem zunehmenden Haushaltsdefizit des Staates bis hin zum Staatsbankrott in der napoleonischen Zeit – alleine die Kosten der französischen Besatzung 1807/08 betrugen das Siebenfache der preußischen Staatseinnahmen – konnten die industriellen Erfolge Redens nicht begegnen. Seine Entlassung als zuständiger Ressortminister 1807 ist in diesem Zusammenhang zu sehen und ist zugleich das Eingeständnis eines vorläufigen Scheiterns bei widrigen gesamtstaatslichen Bedingungen.
Bezeichnenderweise wurde das innovative Klodnitz-Kanal-Projekt als Anbindung des Abbauflözes sowie der Gleiwitzer Hütte mit der Oder und deren potentieller Verbindung bis Berlin in Redens Amtzeit nicht fertig. Die zur Fertigsstellung 1809 bis 1811 noch benötigten Gelder von 4,5 % der Bausumme bewilligte der König 1810. Einige farbig reproduzierte Pläne zeigen Aspekte dieses Vorhabens. Dazu gehören auch die beiden schiefen Ebenen, wo zwischen Cosel und Hindenburg die Boote über Land befördert wurden, ähnlich wie ein Jahrhundert später bei dem bis heute bewunderten Oberländer Kanal in Westpreußen.
Redens Weitblick brachte auch 1788 die zweite preußische Dampfmaschine, eine englische Anlage, nach Tarnowitz. Dieses Vorbild wurde bestaunt und rasch kopiert, so dass um die Jahrhundertwende die oberschlesischen Hüttenwerke selbst die wichtigsten Konstruktionsteile herstellen konnten. Es geht nicht zu weit, den wachsenden industriellen Vorsprung Oberschlesiens gegenüber der Ruhr auf das Wirken Redens zurückzuführen. Hätte er 1782 nicht bloß einen Bericht über den Bergbau in der Grafschaft Mark gefertigt, sondern wäre für diesen Bergamtsbezirk zuständig gewesen, wäre die Frühindustrialisierung anders verlaufen.

Der polnische Gastbeitrag von Adam Frużyński ist in der Diktion einiger geographischer Angaben korrekturbedürftig: Wenn der Freiherr von Reden einen Mitarbeiter fremde Vorbilder kennenzulernen entsandte, so hat er diesen nicht „zu Studienzwecken nach Deutschland [und] Tschechien ... geschickt“ (S. 53). Wenn Schlesien über geschulte Facharbeiter verfügte, die zugewandert waren, so ist es falsch zu schreiben, sie stammten „vornehmlich aus Deutschland“ und „konnte man ... Tschechen ... unter ihnen treffen“ (S. 54). Die heutigen Nationalstaaten oder Nationalitäten lassen sich nicht rückwirkend auf Preußen anwenden.

Für einen den richtungsweisenden Blick auf die historischen Grundlagen im heute polnischen Schlesien steht exemplarisch die Wiedererrichtung von Redens Standbild in Chorzów. Thomas Parent beschreibt, wie das Denkmal zwischen 1815 und 1853 zustande kam, in Königshütte aufgestellt, dort 1939 zerstört und 1940 wiedererrichtet wurde, fast natürlich dem Sturz aller deutschen Denkmäler 1945 folgte und als originalgetreue Kopie zwischen 1999 und 2002 an neuer Stelle im Stadtzentrum trotz einiger Probleme zur Aufstellung kam. Dieser Vorgang ist einzigartig und doch exemplarisch: Eine große Persönlichkeit findet unter neuen politischen Konstellationen wieder öffentliche Aufmerksamkeit. Wo die Taten der Geschichte nicht bloße Vergangenheit sind, sondern wo sie berechtigte Würdigung finden, da steht man buchständlich auf dem Boden der Tatsachen. Die Industrialisierung Oberschlesiens beruht auch auf dem Wirken des Grafen (ab 1803) Friedrich Wilhelm von Reden. Dies anzuerkennen und dies zu wissen sind zwei Seiten einer Medaille, die lohnt, heute und zukünftig hervorgeholt und vorgezeigt zu werden.

Das neue Buch macht mit Tatsachen vertraut und bringt neue Aspekte in der Würdigung einer Persönlichkeit von historischem Rang.

Stephan Kaiser