English
HomeAktuelle MeldungenSchlesien weiter verbunden. Schlesiens Landesadel gestern und heute

Schlesien weiter verbunden. Schlesiens Landesadel gestern und heute

There are no translations available.

kaiser_Graf_von_PfeilEinen anregenden Nikolausabend verbrachten fünfzig Gäste im Oberschlesischen Landesmuseum am 6. Dezember 2011. Die Begleitveranstaltung zur aktuellen Sonderausstellung „Schlossgeschichten. Adel in Schlesien“ bestand aus Vorträgen und Gesprächen. Im Mittelpunkt des Abends stand die Vorstellung der umfangreichen zweibändigen Edition „Adel in Schlesien“. Über mehrere Jahre bereitete ein deutsch-polnisches Forscherteam um die Professoren Joachim Bahlcke (Stuttgart), Jan Harasimowicz (Breslau) und Matthias Weber (Oldenburg) diese Publikation vor. In eindrucksvollen Vorträgen referierten die Wissenschaftler die wichtigsten Forschungsergebnisse. Ein weiterer Bildbericht von Arne Franke (Berlin) zeigte aktuelle Ansichten schlesischer Schlösser in unterschiedlichem Zustand. Moderiert von OSLM-Direktor Dr. Stephan Kaiser berichtete sodann Heinrich Graf von Pfeil über Bezüge nach Niederschlesien, seinen Umgang mit der Familiengeschichte und damit verbunden die gelebte Tradition im Familienverband.

Die Geschichte des Adels ist vielfältig. Sie berührt wirtschafts-, sozial- und kulturhistorische Aspekte ebenso wie die Militärgeschichte. Für den Adel waren seit jeher grenzüberschreitende Bündnisse und Zusammenschlüsse charakteristisch. Gleichzeitig prägte die adlige Gesellschaft mit ihren Schlössern, Herrenhäusern, Ländereien und den Herrschaftsstrukturen die Region nachhaltig. SHOS-Vorstandsvorsitzender Paul Schläger meinte: „Das war wieder ein spannender und lohnender Abend im Haus Oberschlesien. In solcher Fülle zu lernen und neues zu erfahren, das ist eine unvorhersehbare Bereicherung“. Tatsächlich trat wieder vieles Unbekanntes aus der schlesischen Geschichte hervor. In der über tausendseitigen Edition kann man einiges davon nachlesen.

Doch etwas anderes ist es, mit Bildern aus schlesischen Dorfkirchen vom bekannten Breslauer Kunsthistoriker Harasimowicz, zu präsentiert zu bekommen, was dort alles an beziehungsreichen Kunstwerken existiert. Er machte die theologischen Positionen des Protestantismus in der früher Neuzeit deutlich. Das begeisterte selbst profunde Schlesienkenner. Stellvertretend fasste dies OSLM-Direktor Kaiser zusammen. „Es lohnt immer, genauer hinzusehen, und auch kleinen Spuren mit großem Ertrag nachzugehen“, resümierte er diesen wichtigen Beitrag. Mit großer Erwartung darf man darum auch weitere zwei Bände in der hier vorgestellten Edition erwarten. Professor Harasimowicz konnte auch auf seine im Frühjahr 2011 erschienene deutschsprachige Publikation „Schwärmergeist und Freiheitsdenken. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte Schlesiens in der Frühen Neuzeit“ verweisen. Darin wird besonders der Memorialkultur und den kirchengeschichtlichen Bezügen des schlesischen Adels nachgegangen.

Erstaunlich ist immer wieder die große Fülle adliger Landsitze in allen Teilen Schlesiens. Unbenommen der Definitionsfrage, was wann zu Schlesien zu zählen hat und was im weiteren Sinne als Schloss zu gelten hat, so sprach Arne Franke von seiner seit Anfang der 1990er Jahre durch eigene Begehung und Recherchen erstellten Datenbank. Danach habe er Ende 2010 ca. 2.500 Schlossanlagen verzeichnet und gehe nunmehr von 3.000 aus. Er präsentierte eine Aufstellung, die als Arbeitsgrundlage weiterführend ist. Danach seien nur 10% im Krieg zerstört und 13% als Vollverluste bis 1989 zu verzeichnen gewesen. Man mag aus eigener Anschauung dieses Verhältnis bezweifeln, denn dann wären 77% erhalten. Doch davon sieht Franke nur 24 % in gutem Zustand und für 7% eine Verbesserung durch Restaurierung in Sicht. Bei 30% Leerstand ist es absehbar, dass die Gebäude in den Verfall übergehen. Nun kann jeder sich ausrechnen, wie das Verhältnis in absoluten Zahlen aussieht. Etwa ausgewogen scheint das Verhältnis zwischen staatlichem (54%) und privatem Eigentum (46%) zu sein. Demnach hätte in den letzten zwei Jahrzehnten doch wenigstens in dieser Hinsicht ein grundlegender Wechsel stattgefunden. Für Stephan Kaiser als Schlösserkenner Schlesiens steht fest: „Die Erhaltung der Vielfalt müsste an sich im Vordergrund stehen. Doch in der Realität muss man sogar über jede Rettung als Fassadenkulisse froh sein“. Solch einen Vortrag zu diskutieren und durch unterschiedliches Erleben zu hinterfragen, sei eine besondere Herausforderung. „Wir müssen Schlesien kennen um es zu verstehen“, meint der Direktor. Viel Anerkennung gab es von den Wissenschaftlern an diesem Abend für die „Schlossgeschichten“ des OSLM. „Das müssen sie gesehen haben, und es beeindruckt durch die facettenreiche Fülle“, so Professor Bahlcke.

So war es ein ausgefüllter Abend, der nur wegen der Dunkelheit, Kälte und der teilweise langen Heimwege schon gegen 21 Uhr enden musste. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg), dem Deutschem Kulturforum östliches Europa (Potsdam) und dem Haus Schlesien, Deutsches Kultur- und Bildungszentrum e.V., Königswinter, statt. Eine Wiederholung fand am 7. Dezember 2011 in Königswinter statt.

Programmverlauf:

Einführung und Vorstellung des Projektes

„Adel in Schlesien“
Prof. Dr. Matthias Weber (Direktor des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa)

Vorträge

„Schlesien. Raum und Adel“
Prof. Dr. Joachim Bahlcke (Universität Stuttgart)

„Adel und Kultur und Kunst“
Prof. Dr. Jan Harasimowicz (Universität Breslau)

„Spuren in der Landschaft. Schlösser und Herrenhäuser in Schlesien heute“
Arne Franke (Berlin)

Gespräch

„Schlesischer Adel in der Geschichte und heute“
Dr. Stephan Kaiser im Gespräch mit Heinrich Graf von Pfeil und Klein-Ellguth (Neuss)

 

Kommende Veranstaltungen