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Tagungsrückblick: "Region – Industrie – Zuwanderung. Oberschlesische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert“

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Kattowitz

Tagung an der Schlesischen Universität, Kattowitz:
27.11. - 28.11.2009

Am 27. und 28. November 2009 fand an der Schlesischen Universität in Kattowitz die deutsch-polnische Tagung zum Thema „Region – Industrie – Zuwanderung. Oberschlesische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert“ statt. Sie war die Fortsetzung der Ende 2008 in Bochum veranstalteten Tagung zum Thema „Region und Industriegesellschaft. Oberschlesien im 19. und 20. Jahrhundert“. Den Rahmen dazu bot die „Gemeinsame Erklärung über die Zusammenarbeit und den Ausbau der freundschaftlichen Beziehungen“, die 2008 zwischen dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, und dem Marschall der polnischen Woiwodschaft Schlesien, Bogusław Śmigielski, unterzeichnet wurde.
Die Tagung wurde als ein Begegnungs- und Austauschforum von Forschern, Kulturschaffenden und Studenten aus beiden Regionen in das offizielle Arbeitsprogramm aufgenommen und stand unter der Schirmherrschaft des oberschlesischen Marschallamtes. Organisiert wurde sie von den Historischen Instituten der Ruhr-Universität Bochum und der Schlesischen Universität. Als Partnerinstitutionen wirkten das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen (Hösel) und das Staatsarchiv in Kattowitz. Unterstützt wurde die Tagung von der Bezirksregierung Köln aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und der Deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung. Der Tagung ging ein mehrtägiger Workshop voraus, in dem Geschichtsstudenten der beiden Universitäten im Kattowitzer Staatsarchiv historischen Fragestellungen nachgingen und in mehreren Arbeitersiedlungen im umliegenden Industriegebiet Zeitzeugen befragten.

Als Zielsetzung definierten die Veranstalter den Wunsch, unterschiedliche Entwicklungslinien der Oberschlesienforschung zu bündeln und vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels in Oberschlesien im 20. Jh. aus einer interkonzeptionellen Perspektive – mit Hilfe kultur-, alltags-, wirtschafts-, und sozialhistorischer Zugänge – neue Fragen und methodische Ansätze aufzuwerfen. Entlang der Achse Region-Industrie-Zuwanderung sollte sodann die Fragestellung einen ersten Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte des oberschlesischen Indutriereviers liefern, der die spezifischen regionalen Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse der politischen Herrschaft, Wirtschaft, sozialen Ungleichheit und Kultur, dabei jedoch mit besonderem Augenmerk auf die Bildung von Wir-Gruppen, berücksichtigen sollte. Dabei wurde an Diskussionsergebnisse der Bochumer Tagung von 2008 angeknüpft und von der Grundthese ausgegangen, dass das produktive Zusammenwirken eingesessener, slawophoner Bevölkerungsteile und deutscher wie polnischer Zuwanderer im Laufe des 19. Jh. ein Industriebezirk sui generis herausbildete. Der Untersuchungszeitraum setzte unmittelbar nach der Teilung Oberschlesiens 1922 an. Die Tagungssektionen befassten sich mit der Zwischenkriegszeit (1922-39), der Kriegszeit (1939-45), der Nachkriegszeit (1945-89) und der Gegenwart.

Zu Beginn stellte ANDRZEJ MICHALCZYK (Bochum) die Problematik der Migrationsprozesse und gesellschaftlichen Integration im polnischen Teil des Industriereviers 1922-1939 vor. Nach der Teilung Oberschlesiens 1922 wanderten ca. 100 000 deutsche Beamte aus der Industrie und anderen Unternehmen sowie deutsche Lehrer, Angestellte und Kaufleute aus. Diese Migration erfasste jedoch auch die einheimische slawophone Bevölkerung, was die einheimische Bildungsschicht sichtlich schwächte. Die Lücken füllte die eingewanderte gebildete polnische Bevölkerung, die überwiegend aus Galizien und dem Teschener Schlesien stammte. Dort konnte vor 1918 die polnische Intelligenz ausgebildet werden. Dieser Zustrom wurde vom polnischen Staat gezielt gesteuert, um die Polonisierung in Oberschlesien voranzutreiben. Auf zahlreichen Ebenen der höheren Verwaltung übernahm die neue polnische Bildungsschicht eine exponierte Stellung. Das betraf ebenso die Schulen, weil polnische Lehrer als Multiplikatoren der polnischen Kultur wirken sollten. Die einheimische Bevölkerung dominierte in zwei Bereichen: in der Kommunalverwaltung und in der katholischen Kirche. Insbesondere die bedeutende Rolle des Klerus im gesellschaftlichen Leben Oberschlesiens führte zu zahlreichen Spannungen mit der zugewanderten Bevölkerung, weil diese die Gewichtung der Geistlichkeit im öffentlichen Leben als störend empfand. Michalczyk definierte dabei Forschungsdesiderata und plädierte für ein differenzierteres Vorgehen der Forschung, in dem nicht nur der Gegensatz zwischen den Einheimischen und Zugewanderten, sondern die Vielfalt der gesellschaftlichen Gruppen, Schichten und Verhaltensmuster ausgearbeitet werden sollte. Dies könne mit Hilfe mikrohistorischer, kleinräumiger Studien und durch den Einsatz der dichten Beschreibung gelingen. Dabei sei ein engerer Quellenbezug wichtig, wobei auch Vergleiche mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Ruhrgebiet durchaus gewagt werden könnten.

Die Teilung Oberschlesiens hatte nicht nur gravierende Folgen für die Gesellschaft, sondern vor allem für die Wirtschaft, wie PIOTR GREINER (Kattowitz/Katowice) erläuterte. Das wirtschaftliche Potential der Region spielte einerseits für Deutschland, Polen und die Tschechoslowakische Republik eine große Rolle, so dass es zwischen diesen Staaten zu großen Spannungen um die territoriale Aufteilung kam. Andererseits war das Industriegebiet auch für die Alliierten ein wichtiges Instrument für die Nachkriegsordnung. Obwohl sich die Oberschlesier in der Volksabstimmung vom März 1921 mehrheitlich für den Verbleib in Deutschland entschieden hatten, einigten sich die Alliierten im Genfer Abkommen von 1922 auf die Aufteilung der Industrieregion zugunsten Polens. Das zeigte sich im Zahlenverhältnis. Betrug der Anteil der Provinz Oberschlesien an der Steinkohleproduktion im Deutschen Reich vor der Teilung noch 20%, fiel er nach 1922 auf 5%. Dabei wirkte sich die Grenzteilung auf beide Seiten negativ aus. In aller Schnelle und häufig unüberlegt durchgeführt, verlief die Grenzlinie häufig inmitten der Industriebetriebe, Eisenbahnschienen und Straßen. Die Grenze blieb jedoch durchlässig. Mit einer sog. „Verkehrskarte“ konnte die Bevölkerung die Grenze passieren, um auf der anderen Seite einzukaufen oder zur Arbeit zu fahren. Sie trennte dennoch Familien, Nachbarn oder Städte. Dabei fällt auf, dass sich die Industrie im deutschen Teil Oberschlesiens in den Jahren 1923-38 sehr schnell entwickelte und die polnische Industrieentwicklung einholte. Die Erholung des deutschen Wirtschaftsraumes geht nicht nur auf die Innovation der deutschen Industrie, sondern auch auf die Rüstungspolitik zurück.

Marschallamt KattowitzWie der Austausch der Eliten in Oberschlesien durchgeführt wurde, erläuterte BARBARA KALINOWSKA-WÓJCIK (Kattowitz/Katowice) am Beispiel der Stadt Kattowitz. 1922 wurde Alfons Górnik, ein einheimischer Oberschlesier, Oberbürgermeister von Kattowitz. Da er die Kompetenz der deutschen Beamten nicht in Frage stellte, trieb er die Polonisierung in den Verwaltungsstrukturen nicht voran, obwohl das kurz zuvor erlassene Sprachgesetz dies einforderte. Demnach sollten alle amtlichen Texte auf Polnisch verfasst werden. In den ersten Jahren waren jedoch beide Amtssprachen in Gebrauch. Nach dem Amtsantritt des nationalpolnischen Woiwoden Michał Grażyński 1926 verschärfte sich die Lage, als alle deutschen Beamten entlassen wurden. Sie wanderten ins Reichsgebiet ab und bekamen in ihrer neuen Heimat gleichwertige, teilweise höhere Berufspositionen, was sie in ihren Erinnerungen dennoch nicht als Aufstieg werteten. Górnik versuchte, in den sozialen Spannungen zwischen Deutschen und Polen zu vermitteln, 1928 wurde er jedoch abgelöst. In der Industrie kam es zunächst kaum zur Abwanderung, da deutsche Kapitalgesellschaften starken Anteil an der Industrieproduktion hatten. Ganz anders war es bei den Juden, die alle deutsch gesinnt waren und daher in Richtung Berlin, Frankfurt am Main oder teilweise Breslau auswanderten. Sie stammten aus der aufgeklärten und vermögenden Bildungsschicht, im Gegensatz zu den zuströmenden polnischen Juden aus Galizien und Kongresspolen. Dies trug neue Konfiktpotentiale innerhalb der jüdischen Bevölkerung Oberschlesiens mit sich.

Anhand eines Fallbeispiels der oberschlesischen Arbeitersiedlung „Kopalnia“ zeigte TOMASZ NAWROCKI (Kattowitz/Katowice) die soziologische Genese der nationalen Spannungen auf. Bereits im Jahre 1935 stellte der polnische Soziologe Józef Chałasiński die erste soziologische Studie einer Arbeitersiedlung an, an die sich Nawrocki anlehnte und das kollektive Gedächtnis neu untersuchte. Die starke Abgrenzung der Einheimischen von den zugeströmten Polen ist eher in der Tradition des Bergbaumilieus als in der oberschlesischen Eigenheit zu suchen. Diese nationalen Konflikte wurden im Kriegsverlauf noch verstärkt und kamen in den ersten Nachkriegsjahren besonders deutlich zutage. Zwischen den oberschlesischen Bergarbeitern, die ihre Traditionen seit Generationen pflegten, und den neuzugezogenen Polen, die aus dem dörflichen Milieu stammten und mit der Bergbauertradition nicht vertraut waren, gab es starke Spannungen. Grund dafür lag auch in der Demoralisierung der jungen angeworbenen Bergbauer, die bereits mit 15 Jahren die Bergbauschule besuchten und in Bergarbeiterhotels untergebracht waren. Die Loslösung aus den familiären Banden bewirkte, dass sie keinerlei sozialer Kontrolle unterlagen, häufig dem übermäßigen Alkoholgenuss verfielen, was zu häufigen, teilweise blutigen Schlägereien auf diversen Volksfesten führte. Die harte, gefährliche Arbeit schweißte die Kumpels nach einer gewissen Zeit jedoch zusammen, und auch die Frauen kamen sich in der engen Nachbarschaft immer näher. Mischehen führten immer mehr zur Stabilisierung der Lage. Heute gibt es zwar keine Spannungen mehr, dennoch ist das Bewusstsein bei den Bewohnern der ehemaligen Arbeitersiedlung vorhanden, wer „Einheimischer“ und wer „Fremder“ ist. Die menschlichen Verbindungen und nicht die Abstammung sind heute jedoch ausschlaggebend.

Provinz Oberschlesien 1941Im zweiten Teil der Tagung wurde das Verhältnis von Deutschen und Polen im Zweiten Weltkrieg untersucht. MIROSŁAW SIKORA (Kattowitz/Katowice) referierte über die Pläne der nationalsozialistischen Verwaltung im Gau Oberschlesien. Dieser setzte sich aus den deutschen Regierungsbezirken Oppeln und Kattowitz zusammen, an die der sog. „Oststreifen“ angegliedert wurde. Dieser bestand aus historisch polnischen Gebieten Kleinpolens (Dombrowaer Kohlebecken, das bis heute Teil der Woiwodschaft Schlesien ist) und der Woiwodschaft Kielce. Da Oberschlesien im Zweiten Weltkrieg für die Rüstungsindustrie eine strategische Rolle spielte, mussten ideologische Fragen der Germanisierung der Region zurückweichen. Es gab zahlreiche Pläne für die Aussiedlung der polnischen Bevölkerung aus dem „Oststreifen“ und für die Ansiedlung von Deutschen, wobei nicht ganz klar war, aus welchen Gebieten die deutschen Kolonisten kommen sollten. Vielfach waren die Deutschen aus Galizien im Gespräch, Gauleiter Joseph Wagner plante zeitweise auch die Ansiedlung von Deutschen aus der Grafschaft Glatz. Diese Maßnahmen wurden jedoch aus kriegsstrategischen Gründen auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Dass die Polen aus dem „Oststreifen“ nicht ins Generalgouvernement ausgesiedelt wurden, lag an der vehementen Abwehrhaltung Gauleiters Hans Frank. Zudem wurden Eisenbahnwaggons für kriegswichtige Transporte gebraucht. Interessant ist auch die Stadtplanung der NS-Verwaltung. Großstädte wie Gleiwitz, Hindenburg, Beuthen oder Kattowitz wurden als ineffektiv eingestuft und sollten radikal verkleinert werden, kleinere Städte wie Königshütte, Heydebreck oder Tichau sollten dagegen vergrößert werden. Die letztgenannte Stadt wurde als die neue Gauhauptstadt ausgewählt, die Pläne wurden jedoch nicht verwirklicht.

Einer ganz interessanten Frage ging MIROSŁAW WĘCKI (Kattowitz/Katowice) nach, nämlich aus welchen Personenkreisen sich die oberschlesische NSDAP in der 11 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Tichau rekrutiert hatte. Brauerei TichauDer größte Arbeitgeber – damals wie heute – war die lokale Bierbrauerei, die vor dem Ersten Weltkrieg dem Herzog von Pless gehört hatte, so dass sich die höhere Unternehmensführung aus deutschen Beamten rekrutierte. Die NSDAP wirkte wie eine gesellschaftliche Kontrollinstanz, so dass die Parteiführung jeden Aspekt des öffentlichen Lebens für ihre Zwecke nutzen wollte. In Tichau gab es zwei Parteigruppierungen mit einigen gleichgeschalteten Organisationen, wie z.B. dem Bund Deutscher Osten. Die Parteiführung wusste von den starken Animositäten zwischen einheimischen Deutschen und Polen und nutzte sie stark für ihre Propaganda aus, um deutsche Oberschlesier in ihre Reihen aufzunehmen. Das Bild des reichen polnischen Beamten, der auf Kosten der armen Deutschen lebe, dominierte die Propagandamaschinerie. Bei der Rekrutierung neuer Parteimitglieder wurden Deutsche in allen Verbänden gesucht, selbst in Kirchenchören. Die Anwerbung parteitreuer Deutscher verlief jedoch äußerst schwierig. Als 1939 98% der Bevölkerung die deutsche Zugehörigkeit für sich deklarierte, erschien das selbst der Berliner Parteizentrale unglaubwürdig. Wer sofort in die Partei eintreten wollte, musste der ersten Gruppe der seit 1941 geltenden vierstufigen Deutschen Volksliste angehören, die meisten „Schlonsaken“ waren jedoch in Gruppe 3 eingestuft worden. Obwohl lediglich 110 Personen aus Tichau in die NSDAP aufgenommen wurden, traute die Parteizentrale der Volksverbundenheit der Oberschlesier nicht, so dass die eigentliche Parteitätigkeit in Tichau von zugereisten Reichsdeutschen getragen wurde (unter ihnen dominierten Lehrer als NS-Kulturträger). Ein Grund dafür, warum die Oberschlesier nicht massenweise in die NSDAP eintraten, war ihre katholische Sozialisation. Als Voraussetzung für den Eintritt in die Partei galt der Kirchenaustritt. In Tichau wurde genau ein Fall gezählt.

Der dritte Teil der Tagung untersuchte neue gesellschaftliche Rollen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. FRANCISZEK JONDERKO und BERNARD LINEK (Oppeln/Opole) stellten den Verlauf des Austausches der Eliten in der Woiwodschaft Schlesien in den Jahren 1945-1950 dar. Innerhalb der Reihen der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) dominierten polnische Kommunisten aus dem Dombrowaer Kohlebecken. Ein regelrechter „Import“ der Polen aus dem Kohlebecken setzte jedoch nicht ein, weil eine Verschärfung der ohnehin starken Spannungen zwischen den Oberschlesiern und Polen befürchtet wurde. Da sich die Bewohner Oberschlesiens kaum mit der kommunistischen Partei identifizierten, versuchte diese, die polnische Bevölkerung mit der Zusicherung für sich zu gewinnen, dass die Partei für nationalpolnische Interessen einstehe und kein verlängerter Arm der Bolschewiken sei. Die Rekrutierung fähiger und ideologisch zweifelloser Personen war in den ersten Nachkriegsjahren besonders schwer. Bis 1945 gab es lediglich zwei aktive PPR-Mitglieder, die nach dem Krieg im Woiwodschaftsamt eine Position bezogen. Die prägendste Figur war der „Berufskommunist“ General Aleksander Zawadzki, der aus dem Dombrowaer Kohlebecken stammte und schon in der Vorkriegszeit dem Kommunistischen Bund der Polnischen Jugend (KZMP) beitrat. Von ihm stammt auch der Ausspruch, man müsse die Deutschen in kleinen Herden über die Oder und Neiße treiben (Mai 1945), woraus sich der Begriff „Austreibung / Vertreibung“ ableitete. Ganz bedeutend ist auch die Rolle des stellvertretenden Woiwoden (1945-1950) Jerzy Ziętek, eines gebürtigen Gleiwitzers. Dieser war polnischer Aufständischer und sammelte seine schlesischen Kampfgenossen um sich. Zu seinen Verdiensten zählte die Rückkehr von zahlreichen polnischen Beamten aus der Vorkriegszeit. Er musste sich immer wieder Kritik an seiner Personalpolitik gefallen lassen, weil er in den Augen der polnischen Kommunisten zu viele Oberschlesier um sich scharte. Die Parteiführung sah in den oberschlesischen Starosten und anderen Funktionsträgern „versteckte Deutsche“, die sie offen bekämpfte.

SEBASTIAN ROSENBAUM (Kattowitz/Katowice) zeigte auf, welche Rolle die Arbeit als Aspekt des Deprivationsprozesses der deutschen Bevölkerung in Oberschlesien in den ersten Nachkriegsjahren einnahm. Die Maßnahmen zielten darauf ab, die einheimische polnische Bevölkerung von derjenigen abzusondern, die als Reichs- oder Volksdeutsche galten (Gruppe 1-2). Oberschlesien wurde zur ersten Region in Polen, in der die Zwangsarbeit der Deutschen eingeführt wurde. Bis Ende Juni 1945 waren davon 37 000 Deutsche betroffen. Am 7. Juni 1945 erließ der schlesische Wojewode Zawadzki eine Anordnung, in der der Pflichtcharakter und die Bedingungen der Arbeit reglementiert wurden. So sollten die Deutschen einen um 25% verminderten Lohn bekommen, der in einen Hilfsfonds zugunsten der Opfer des NS-Terrors fließen sollte. Zudem wurden die Essensrationen, der Kohlezuschuss, die Rente und die Kinderfürsorge dementsprechend reduziert. Die Deutschen waren in Arbeitslagern untergebracht und verrichteten ihre Arbeit meist in der Schwerindustrie (vor allem im Bergbau, weniger in Eisenhüttenwerken), sie wurden aber auch bei Räumungsarbeiten in Städten eingesetzt, wo sie eingestürzte Ruinen räumen, den Stadtkern „entgermanisieren“ oder für die eingewanderte polnische Bevölkerung Hilfsdienst verrichten sollten. 1950 wurden die Zwangsmaßnahmen eingestellt.

Der vierte Teil der Tagung widmete sich den Migrationsprozessen und dem Verhältnis zwischen der eingewanderten und einheimischen Bevölkerung 1950-1989. Zu Beginn sprach GREGOR PLOCH (Ratingen) über die Bildungsprozesse von Wir-Gruppen nach 1950 bei Oberschlesiern im oberschlesischen Industrierevier und im Ruhrgebiet. Die regionale Zugehörigkeit der Oberschlesier hat sich vor allem aus der preußisch-österreichischen Aufteilung Schlesiens und der Grenzbildung herausgebildet, die im Zuge der Aufteilung Polens gezogen wurden. Das oberschlesische Industrierevier lag dabei im Grenzgebiet. Diese Grenzen haben sich im Verlauf des 20. Jh. mental verstärkt, als es im Zuge der weiteren Migrationswellen und politischen Verhältnisse zur Verstärkung der regionalen Identifikation gekommen war. Sichtbar verläuft diese mentale Grenze entlang des Flusses Brinitz (Brynica), der den östlichen Teil des historischen Oberschlesiens vom Dombrowaer Kohlebecken, dem historischen Kleinpolen, trennt. Seit 1945 bilden beide Teile die Woiwodschaft Schlesien (früher: Woiwodschaft Kattowitz), doch gibt es bis heute starke Polarisierungen zwischen den regional verbundenen Oberschlesiern und den sich als Polen fühlenden Bewohnern des Kohlebeckens. Der Gebrauch des oberschlesischen Dialekts (sog. „Wasserpolnisch“ bzw. „Schlonsakisch“) und der eingefärbte Akzent bei der Verwendung der polnischen Sprache boten einst und jetzt die Grundlage für die Selbstidentifikation als Gruppe. Dazu kommen die besonders ausgeprägte (oberschlesische) Heimatliebe, Bräuche und Traditionen, die den eingewanderten Polen fremd waren und einen Grund zur Distanzierung boten. Zwischen den beiden Gruppen gab es stets Spannungen, die sich insbesondere in den 1950er Jahren häufig mit Gewalt entluden. Eine Analogie zur Bildung von Wir-Gruppen von Oberschlesiern im Ruhrgebiet ist bei der Aussiedlergruppe zu sehen. Zu den Aussiedlern in der Bundesrepublik zählen ca. 1,3 Mio. Oberschlesier, die zwischen 1950 und 1992 eingewandert sind. Die politisch-ideologischen Konflikte in der Diskussion um die Existenz der deutschen Minderheit haben vor 1989 dazu geführt, dass die Aussiedler zwischen ihren beiden Heimaten hin und hergerissen waren, weil sie in der Bundesrepublik nicht selten als Polen wahrgenommen wurden und ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk immer wieder unter Beweis stellen mussten.

BOGDAN KLOCH (Rybnik) zeigte am Fallbeispiel der Rybniker Vororte auf, wie diese Konflikte zwischen „Hiesigen“ und „Fremden“ im Kreis Rybnik in den 1950er und 1960er Jahren in der Presse thematisiert wurden. Der Bau von zahlreichen Arbeitersiedlungen im Zuge der kommunistischen Industrialisierung Polens führte zur Massenmigration junger Polen, die im Bergbau und in der Schwerindustrie Arbeit suchten. In diesen neuen Satellitenstädten fanden zunächst die eingewanderten Polen ihr neues Zuhause, während die Oberschlesier in geschlossenen Ortschaften, meistens den Dörfern oder Vororten lebten. Diese Trennung der Bevölkerung war der Hauptgrund für Spannungen. Die schon bereits thematisierten Arbeiterhotels waren immer wieder ein Konfliktherd und Ursache zahlreichen Alkoholmissbrauchs und Gewaltanwendung innerhalb der jungen Arbeitergruppe. Das Gewaltpotential entlud sich häufig bei oberschlesischen Volksfesten und führte zu einem Todesfall. Diese Probleme konnten selbst von der kommunistisch dominierten Presse nicht ignoriert werden und führten zu einer Reihe von Artikeln. Die Spannungen konnten erst ab den 1960er Jahren abgebaut werden, als auch junge oberschlesische Familien in die Wohnblockhäuser einzogen, wodurch es langsam zu einer Durchmischung der Bevölkerung (auch in Mischfamilien) kam.

Der fünfte und letzte Tagungsteil widmete sich der Gestaltung der historischen Erinnerung an oberschlesische Gesellschaft in Deutschland und Polen. Zur Einführung verglich LUTZ BUDRASS (Bochum) den Umgang mit dem industriellen Kulturerbe im Ruhrgebiet und in Oberschlesien. Um Industriedenkmäler zu bewahren, wird nach der idealen Form und Funktion gesucht. Diese Funktion der Industriekultur kann beispielsweise die Arbeitersiedlung einnehmen, welche bestimmte Elemente einnimmt. Dazu gehört die Entzerrung industrieller Bauten, durch die sich gesellschaftliches Leben verfestigen und zu einer sozialen Hierarchie führen konnte, wie man das bei den Siedlungen in Kattowitz-Emanuelssegen (Murcki) Emanuelssegen (Kattowitz-Murcki)oder in Essen-Margaretenhöhe sehen kann. Aufgrund der Kriegszerstörungen und Wohnungsnot entstanden im Ruhrgebiet zahlreiche Neubauten mit Hochhäusern, denen manche billige Siedlungen weichen mussten. In anderen Arbeitersiedlungen regte sich erfolgreich Widerstand gegen Abrisspläne (so in Oberhausen-Eisenheim), so dass die Wohnhäuser nach einer fundamentalen Renovierung heute zu begehrten Wohnadressen gehören und „Ruhrromantik“ versprühen. Das Ruhrgebiet konnte seinen ursprünglichen Charakter bewahren. Frühere Industriebauten wurden erhalten und zu Kulturorten umgewandelt (z.B. die Jahrhunderthalle in Bochum). Es entstand die Route der Industriekultur. Wenn man die beiden Regionen miteinander vergleicht, fällt oft das Urteil, Oberschlesien sei wie das Ruhrgebiet vor 20 Jahren. Es werden Verknüpfungen gesucht, dennoch gibt es Unterschiede. Bei der Aneignung der Industriekultur in Oberschlesien gibt es größere Schwierigkeiten, weil die Initiative weniger vom Staat oder der Woiwodschaft, sondern von kleinen, privaten Initiativen und Vereinen ausgehen. Polen sieht sich als eine Kulturnation, so dass es die Sicherung der Industriedenkmäler für weniger wichtig erachtet. Entscheidend ist aber noch der in Polen vorherrschende Gedanke, dass der Großteil der oberschlesischen Industriellen Deutsche gewesen waren, so dass diese Region nicht als ein Teil der polnischen Kulturgeschichte angesehen wird. Es ist falsch, Oberschlesien als eine „Verlängerung des Ruhrgebietes“ zu sehen. Daher plädiert Budrass für eine differenzierte Sicht beider Regionen. Besonders die nationalen Spannungen müssen im Falle Oberschlesiens stärker berücksichtigt werden. Schließlich soll die Industriekultur im heutigen Oberschlesien mit Vorsicht adaptiert werden.

Zum Schluss des Referatsteils wurde die Pflege des kulturellen Gedächtnisses in schlesischen Museen in Deutschland und Polen verglichen. SUSANNE PETERS-SCHILDGEN und GREGOR PLOCH (Ratingen) stellten die Tätigkeit des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen-Hösel vor. Diese 1983 gegründete Einrichtung geht auf die von der Bundesregierung 1982 entwickelte „Grundsatzkonzeption zur Weiterführung der ostdeutschen Kulturarbeit“ und deren Forderung nach der Errichtung von Landesmuseen für die größten ostdeutschen Regionen zurück. Seit 2000 wird das Museum vom Land Nordrhein-Westfalen, seit 1964 Patenland für die Oberschlesier und seit 2000/08 Partnerregion der Woiwodschaft Schlesien, gefördert. Träger ist die 1970 gegründete Stiftung Haus Oberschlesien. Die Sammlung des Museums ist Frucht der Sammeltätigkeit der Landsmannschaft der Oberschlesier und der Stiftung Haus Oberschlesien. Sie besteht vorwiegend aus Kulturgut, das von den Oberschlesiern zur Verfügung gestellt wurde, und enthält dementsprechend Gegenstände, Bilder und Dokumente des Alltagslebens der letzten drei Generationen. In einer Zeit, in der es kaum möglich war, Oberschlesien zu bereisen, versuchten die Oberschlesier in Westdeutschland, ein Stück Heimat vor Ort aufzubauen, an dem ihr Kulturgut gepflegt und bewahrt wurde. Diese Sammlungen werden in der Dauerausstellung präsentiert. Das Museum wirkt in einer Region, die seit 130 Jahren stete Verknüpfungen zu Oberschlesien erfahren hatte. Es vermittelt auf diese Weise der gesamten Öffentlichkeit ein Bild von der Geschichte und Kultur dieser Region. Zusätzlich informiert das Museum über das heutige Oberschlesien, was sich vor allem nach 1989 im Zuge grenzüberschreitender Zusammenarbeit ermöglichen ließ. Das wird in thematisch wechselnden Formen erreicht: durch Zeitausstellungen, wissenschaftliche Tagungen und Publikationen oder in museumspädagogischen Angeboten. Eine große Rolle spielen Anknüpfungspunkte zwischen Nordrhein-Westfalen und Oberschlesien. Andererseits versucht das Oberschlesische Landesmuseum, mit polnischen und tschechischen Partnerinstitutionen die jeweilige Bevölkerung über die gemeinsame Geschichte und Kultur zu informieren. Ziel ist es, historische Verbindungen und gegenseitige Einflüsse in den jeweiligen Regionen aufzuzeigen. Dazu gehören beispielsweise Vergleiche zwischen dem oberschlesischen Industriegebiet und dem Ruhrgebiet, der Einfluss der Oberschlesier in der Bundesrepublik, aber auch die Geschichte der Deutschen in Schlesien. Die Museumskonzeption kann das ganze Spektrum der schlesischen Kulturgeschichte nicht umfassen. Wichtig ist aber, die oberschlesische Kulturgeschichte im schlesischen Gesamtkontext dort zu zeigen, wo Schlesier gelebt haben und leben, über Schlesien und die Schlesier objektiv zu informieren und Menschen für diese Themen zu begeistern, unabhängig von ihrem Bezug zu Schlesien.

Einen anderen Ansatz des kulturellen Gedächtnisses verfolgt das 1970 gegründete Museum in Rybnik, wie DAWID KELLER (Rybnik) erläuterte. Es ist ein typisches Stadtmuseum, das die Geschichte und Kultur der Stadt und des Landkreises Rybnik zeigt und von der lokalen Stadtverwaltung getragen wird. Die programmatische Zielsetzung wird in traditioneller Weise erfüllt: durch Ausstellungen, Tagungen, Publikationen, Museumspädagogik oder Gruppenführungen. Es werden drei Dauerausstellungen präsentiert: „Unsere Stadt Rybnik“, „Handwerkszünfte in den Städten Oberschlesiens“ und „Bergbau“. Jedes Jahr werden zudem mehrere Wechselausstellungen präsentiert. Ganz wichtig ist dabei das Bewusstsein, wie das Gedächtnis über die Vergangenheit dieser Region und seiner Bevölkerung gepflegt wird. Dabei muss vor allem an die nationale Eigenart dieser Region erinnert werden. Es muss gezeigt werden, dass bspw. im 19. Jh. Deutsch die Amtssprache war. Die Rolle der Deutschen bei der Entwicklung der Stadt Rybnik muss man zu schätzen wissen, indem ihre Tätigkeit in Erinnerung gerufen wird. Das Museum in Rybnik führt diesen Leitgedanken konsequent im Rahmen der Dauerausstellungen durch, wohingegen dies bei Wechselausstellungen nicht immer gelingt. Das führt manchmal zu Reibungspunkten, weil sich das Publikum oft die Präsentation der polnischen Geschichte wünscht. Damit das Museum ein objektives kulturelles Gedächtnis der regionalen Geschichte und Kultur pflegen kann, muss es auf politisierende Tendenzen in der Gesellschaft achten, welche Geschichtsereignisse in welcher Form dargestellt werden. Ein Beispiel dafür ist der regelrechte Solidarność-Kult in Polen. So wird von der Öffentlichkeit die Erwartung an das Museum herangetragen, sich möglichst oft mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Die Tagung wurde umrahmt von studentischen Beiträgen, die sich in mehreren Gruppen mit der lokalen Geschichte auseinandersetzten. Eine Gruppe erforschte einige Tage lang im Staatsarchiv zu Kattowitz den Schriftverkehr des Woiwodschaftsamtes zwischen 1922 und 1930. Nach einigen Untersuchungen konnte bereits festgestellt werden, wie sich der Sprachgebrauch im Verlauf der Zeit änderte, wobei die deutsche Sprache in den 1920er JaBismarckuehttehren immer noch verwendet wurde. Eine zweite Gruppe erkundete die Geschichte der Bismarckhütte, die heute der Stadtteil von Königshütte (Królewska Huta, nach 1934: Chorzów) Batory ist. Die Dörfer Ober- und Niederheiduk (Hajduki) wurden erst im 17. Jahrhundert erwähnt. Nach der Gründung der Bismarckhütte durch die Dynastie von Donnersmarck 1873 wurden die beiden Dörfer durch das Dekret von Kaiser Wilhelm II. in die Gemeinde Bismarckhütte zusammengelegt. ratusz-hajdukiDas prägnante Markenzeichen „B“ des Hüttenwerks führte sogar dazu, dass die Hütte und der Stadtteil nach 1933 in „Batory“ umbenannt wurden.

 

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Tagung einen wichtigen Ansatz für die Bündelung der verschiedenen Linien der Oberschlesienforschung geschaffen hat. Es ist insbesondere für die deutschsprachigen Forscher wichtig, den polnischen Forschungsstand zu kennen, was vor allem für Mikrostudien gilt. Dieser Beitrag für die Gesellschaftsgeschichte Oberschlesiens zeigt auf, wie wichtig der Diskurs von Forschern und Studenten aus Deutschland und Polen ist. Viele Forschungslücken müssen noch geschlossen werden, dies muss generations- und völkerübergreifend geschehen. Vergleiche zwischen dem oberschlesischen Industriegebiet und dem Ruhrgebiet lassen sich stets ziehen, weil zahlreiche Parallelen vorhanden sind. Dennoch muss dies differenziert geschehen, weil Oberschlesien eben keine Kopie des Ruhrgebiets „vor 20 Jahren“ ist. Diese Unterschiede lassen sich vor allem beim gesellschaftshistorischen Konzept erkennen.

Die Organisatoren planen die Herausgabe eines Tagungsbandes, der an die Ergebnisse der Vorgängertagung anschließen wird.

 

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